Das Privateigentum

Von Manuel Barkhau für „Die Marktradikalen“
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Im Kern jeder Vorstellung von Gerechtigkeit steht implizit auch ein Konzept von Eigentum. Das gilt für jede Politik und für jede Weltanschauung. Egal ob Sozialist oder Kapitalist, ob Befürworter von Demokratie oder von Freiheit. Jeder, ob er sich darüber Gedanken gemacht hat oder nicht, jeder hat eine Vorstellung von Eigentum. Was nichts anderes ist als die Antwort auf die Frage: Wer hat das Sagen über was? Sollen es das Individuum sein, oder ein König, oder vermeintlich ein Volk etwa durch gewählte Politiker? Das ist die Frage des Eigentums.

Für Räuber, für Könige, und für Demokraten ist diese Frage einfach zu beantworten: Sie haben das sagen, und zwar über alles. Warum? Na, weil sie die Stärkeren sind, weil es Gottes Wille ist, weil sie die Mehrheit sind.

Wozu Privateigentum

Aber was ist mit Menschen, die solche Barbarei überwinden wollen, denen Frieden lieber ist als der Krieg aller gegen alle? Was ist mit Menschen, die erkennen können, dass der Aufstieg der Menschheit aus dem Elend nicht möglich wäre ohne Arbeitsteilung, Spezialisierung und Kapital? Wer das erkennt, muss sich auch fragen: Was sind die Bedingungen für solch eine Gesellschaft. Welche Regeln sorgen am ehesten für Frieden, Freiheit und Wohlstand? Kurzum: Welches Konzept von Eigentum ist Bedingung für die Zivilisation?

Im Folgenden geht es um eine libertäre Antwort auf diese Frage.

Zentrale Rolle der Knappheit

Bei der Suche nach Regeln gehen wir von einem bestimmten Menschenbild aus sowie auch von einer Vorstellung über die Umwelt, in der wir Leben.

Von außen betrachtet ist ein Mensch weder Gut noch Böse, ebenso wenig wie die flüchtende Gazelle gut ist oder der Löwe böse ist, wenn er die Gazelle frisst. Menschen verfolgen Ziele. Im Rahmen dieser Ziele mag ein Mensch solche Begriffe wie „Gut“ und „Böse“ für sich als nützlich erachten mag. Solch ein Menschen, der weder Engel ist noch Teufel, wird aus seinem eigenen Antrieb und seiner eigenen Überzeugung nur Regeln annehmen, wenn er sieht, wie diese helfen seine Ziele zu erreichen.

Nach dem Menschen kommen wir zu seiner Umwelt. Wir nehmen an, dass es Sachen in der Natur gibt, die noch keiner in Besitz genommen hat. Jemand kann diese Sachen als Güter betrachten, also als nützlich für seine Ziele. Solch ein Gut wäre zum Beispiel ein Apfel auf einem wilden Baum, der nützlich ist, um den Hunger zu stillen. Solange jemand sich behaupten kann, hat er keinen Grund, den Apfel eher einem Anderen zu überlassen und selbst deswegen hunger zu leiden. In dieser Hinsicht geht es dem Menschen nicht anders als der Bakterie, dem Wurm oder einem Tier.

Das allgegenwärtigste Gut um uns herum ist die Atemluft. In unserem Alltag gibt es äußerst selten Konflikte um Atemluft, auch wenn es für unser aller Leben unabdingbar ist. Wir verdanken diesen Frieden aber nicht unserer sanften Natur oder unserer Vernunft, sondern der Tatsache, dass Atemluft im Überfluss vorhanden ist. Oder kürzer gesagt: Atemluft ist nicht knapp. Das ist aber keine inhärente Eigenschaft von Atemluft, sondern ein Umstand, der zwar sehr häufig sein mag, aber er ist nicht unbedingt universell. Wir können sehr wohl in Konflikt über Atemluft geraten und zwar sobald es knapp wird. Das wird jeder bezeugen, der eine Flasche Atemluft für sich abfüllt, bevor er auf einen Tauchgang geht.

Problemstellung

Der zielgerichtete Mensch, in einer Umwelt voller Knappheit, steht vor dem Problem, dass manche seine Ziele nicht vereinbar sind mit denen anderer Menschen. Es besteht die Gefahr, dass die Früchte seiner Arbeit ihm einfach genommen werden können. So wird ein Bauer kein Land beackern und besäen, wenn er annehmen muss, dass eine Horde seine Ernte im Herbst kassieren wird. Er wird sich nicht niederlassen, spezialisieren und Kapital aufbauen, wenn er sich damit bloß zur leichten Beute macht, für Räuber die immer wieder Schutzgeld von ihm erpressen.

Das Ackerland, die Ernte und das Kapital, alle diese Güter unterliegen der Knappheit. Wenn zwei Menschen die Ernte haben wollen, dann sind sie im Konflikt. Es kann nicht sowohl der eine die Ernte haben, wie auch der andere. Sie könnten die Ernte in zwei teilen, aber dann hätte jeder eben nur die Hälfte.

Bei einem knappen Gut haben wir nur zwei Option: entweder einer zwingt seinen Willen dem anderen auf, mit List oder mit Gewalt, wie es die Tiere und Räuber tun, oder beide kommen zu einer Einigung, bei denen sie ihre übergeordneten Ziele erreichen, bez. von denen sie beide profitieren.

Der Markt

Und wir haben allen Grund, solch eine Einigung zu finden.

Man bedenke die oftmals zu hörende Sitte auf einem Marktplatz. Nach Abschluss von einem Geschäft, sagt der Käufer „Danke“ und der Verkäufer antwortet ebenfalls mit „Danke“. Diese kuriose Sitte ist kein Zufall, denn dem Käufer sind die Waren mehr Wert als das Geld und dem Verkäufer ist das Geld mehr wert als seine Waren.

Beide stehen durch ihren Tausch, besser da als zuvor. Unsere Mitmenschen verdienen, durch ihr Schaffen, unsere Dankbarkeit und wir sind mit ihnen Verbunden, ohne in ihrer Schuld zu stehen. Diese fundamentale Einsicht, ist die Grundlage der Arbeitsteilung und der Zivilisation schlechthin.

Es mag sein, dass jemand auf Kosten eines anderen, kurzfristig einen einseitigen Profit erzielen könnte, wenn er Täuschung oder Gewalt benutzt. Dieser Profit käme allerdings zu einem teuren Preis: nämlich seinem dem Ruf und die Gefahr, aus der Zivilisation ausgeschlossen zu werden. Jeder hat ein ureigenes, langfristiges Interesse, sich mit anderen zu einigen und solche kurzsichtigen Gedanken schnellstmöglich zu verwerfen.

Gleichberechtigung

Um diese Erkenntnis zu verwirklichen, brauchen wir Regeln. Regeln, die es ermöglichen, unsere jeweiligen Ziele zu verfolgen und Konflikte zu vermeiden. Ohne diese Regeln direkt zu nennen, können wir schon vorher etwas sagen über ihre Gestalt.

Das Erste ist, dass die Regeln für jeden gleichermaßen gültig sein müssen. Denn ich kann nur von anderen erwarten, dass sie sich an Regeln halten, wenn ich mich gleichermaßen auch an diese Regeln halte. Wenn manche Regeln nur für bestimmte Personen gelten und nicht für andere, würde die Frage aufkommen, warum ein schlechter gestellter Mensch diese Regeln akzeptieren soll.

Es mag sein, dass selbst ein Sklave, in einer vermeintlichen Zivilisation, besser gestellt ist als alleine in der Wildnis, aber der Friede der Unterjochten ist zerbrechlich. Die Sklaven könnten flüchten und ihr eigenes Ding machen, oder sie wittern Schwäche und schließen sich zusammen um ihre Herren zu überwältigen. Diese Risiken sind Grund für jeden, der sich einbildet, er würde zu den Herrschern zählen, solche Machtgelüste aufzugeben und jeden seiner Mitmenschen als gleichberechtigt anzuerkennen.

Recht ist legitime Gewalt

Der zweite Eckpfeiler neben der Gleichberechtigung ist nur eine klare und deutliche Formulierung von dem, was es bedeutet, das “Sagen” zu haben.

Rechte sind ein Pakt, im kleinsten Fall zwischen zwei Personen. Ich erkläre mich bereit dir ein Recht zu gewähren, soweit du für mich das Gleiche tust. Das heißt: Ich bin bereit, mein Verhalten zu beschränken, soweit du ebenso dein Verhalten beschränkst. Ich bin bereit, dein Verhalten als legitim zu erachten, so weit du mir, für mein gleichartiges Verhalten, Legitimität zusprichst. Solltest du das aber nicht machen, solltest du mich hintergehen, solltest du versuchen, über mich zu herrschen, durch Täuschung oder Gewalt, dann lässt du mir keine andere Wahl. Dann fallen wir zurück in die Barbarei und ich werde versuchen, der Stärkere zu sein. Ich werde versuchen, meinen Willen zu verwirklichen. Wenn nötig mit Gewalt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Bei diesen Regeln, in denen es „Rechte“ gibt, geht es nicht um einen friedlichen Sitzkreis, in dem wir alle gemeinsam „kumbaya“ singen und in spiritueller Einigkeit unser gemeinsames Glück suchen. So was mag ja Platz haben innerhalb des Rahmens dieser Regeln, aber der Rahmen muss erst mal gesetzt sein. Die Regeln haben ein grundlegenderes Ziel, nämlich dass wir uns erst mal nicht alle gegenseitig die Köpfe einschlagen. Die Frage des Rechts ist die Frage, ob Frieden oder Krieg. Weiß Gott, es gibt viele weitere Probleme, die wir gerne Lösen wollen, aber dazu brauchen wir zuerst den Frieden.

Die Regeln, die wir hier suchen, müssen die Frage beantworten, ab wann jemand nicht mehr als gleichberechtigte Person behandelt wird und ab wann man deshalb erwarten kann, dass sie auf Kriegsfuß steht. Es geht darum, diejenigen Grenzen zu ziehen, die wir ziehen müssen, um Konflikte zu minimieren und uns vor der Barbarei zu bewahren.

Die Regeln

Kommen wir nun zu diesen Regeln.

  1. Jede Person kann einen Teil der Natur als Gut betrachten und für sich in Besitz nehmen, soweit eine andere Person dieses Gut nicht vorher in Besitz genommen hat. Wir nennen solche in Besitz genommenen Güter „Privateigentum“.
  2. Jede Person hat als erstes Privateigentum, den eigenen Körper. Dieses ist von Natur aus im Besitz der Person und untrennbar mit ihr verbunden.
  3. Jede Person erklärt sich bereit, das Privateigentum einer anderen Person zu respektieren, soweit dieser Respekt erwidert wird. Das bedeutet, jeder wird es unterlassen, über das Privateigentum eines anderen zu verfügen, soweit es gegen den Willen des Eigentümers ist.
  4. Jede Person kann ihr Privateigentum an eine andere Person übertragen. Wir nennen diesen Vorgang „Übereignung“.
  5. Jede Person kann eine Übereignung an Bedingungen knüpfen, zum Beispiel, bei einem Handel an eine gleichzeitige Übereignung oder an eine Leistung durch den Handelspartner. Wenn beide den Bedingungen zustimmen, sprechen wir von „Willensübereinkunft“ oder „Vertrag“.

Grenzziehung

Nehmen wir nun an, dass zwei oder mehr Personen diese Regeln prinzipiell als sinnvoll erachten. Als Nächstes müssen sie die Frage beantworten, wo die Grenzen liegen, zwischen ihrem jeweiligen Privateigentum.

Da die Regeln helfen sollen, Konflikte zu vermeiden, ist es nicht nötig, sich über jedes Privateigentum zu verständigen, sondern nur über solches, bei dem Konflikte drohen. Soweit kein Grund für eine andere Annahme besteht, kann jeder annehmen, dass ein Gut das Eigentum der Person ist, die es momentan besitzt. Soweit niemand ein Gut momentan besitzt und auch nicht erkennbar ist, dass jemand es je im Besitz hatte, kann jeder annehmen, dass es sich noch im Urzustand befindet.

Nur wenn Zweifel an Eigentumsgrenzen bestehen, oder drohen, oder einfach weil wir vergesslich sind, lohnt sich eine weitergehende Verständigung über diese Grenzen. Es hat sich dazu als nützlich erwiesen, die Grenzen nicht alleine in unseren Köpfen zu belassen, sondern objektiv in unserer Umwelt erkennbar zu machen. Bei unseren Körpern sind die Grenzen offensichtlich ja sogar, leibhaftig spürbar. Für das meiste Andere haben sich Hilfsmittel bewährt wie Grenzsteine und Zäune oder Einträge in gemeinsame Grundbücher.

Analog ist es auch bei Verträgen. Für jede Partei wird es oftmals günstiger sein, sich zu vergewissern, dass der eigene Wille vom jeweiligen Vertragspartner verstanden wird und auch in Zukunft objektiv nachvollzogen werden kann. Für manches mag der Handschlag reichen, für anderes wählt man besser die Schriftform und bekundet seinen Willen unverfälschlich durch Unterschrift oder Siegel. Ohne eine solche Verständigung, besteht die Gefahr für Fehlkommunikation und dadurch für spätere Konflikte.

Jede Alternative bedeutet Herrschaft

Jede Alternative zu diesen Regeln führt zu Konflikten und schafft Kategorien von Übermenschen und Untermenschen.

Für eine genauere Erklärung oder gar für eine Herleitung der Regeln, müssten wir auf Themen eingehen wie Wiedergutmachung, Eskalationsspiralen und Zwickmühlen. Für all das und vieles mehr haben wir hier nicht die Zeit. An dieser Stelle muss es genügen, folgendes zu erklären: Es gibt bestimmte Rechte, die ohne Widerspruch zueinander stehen. Diese Rechte werden nicht von oben herab diktiert oder gewährt, sondern jeder kann diese Rechte von sich aus anderen gewähren und auf wechselseitige Erwiderung dieser Rechte für sich hoffen.

Das wichtigste zu erkennen ist, dass wir unsere Regeln nicht, wie es Mode ist, als Gemeinschaftsprojekt betrachten, bei dem jeder mitredet und Einfluss nehmen soll. Es ist nicht eine Frage des Geschmacks oder von Willkür. Die Begründung dieser Regeln liegt in ihre Eignung, die Zivilisation zu ermöglichen. Dabei ist die Konfliktvermeidung das Ziel und die Knappheit das zentrale Problem.

Man könnte meinen, die lückenlose Herleitung solch einer säkularen Ethik, ausschließlich begründet im menschlichen Handeln und den Bedingungen der Natur, wäre ein Projekt, worum jeder Philosoph sich reißen müsste. Leider zählen die allermeisten Philosophen unserer Zeit zu den Hofintellektuellen. Dieser Ansatz ist verpönt, denn er untergräbt die durch Zwang finanzierten Institutionen, in denen sie arbeiten.

Manche Philosophen haben sich dennoch an das Thema herangewagt. Wer sich eingehender mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei die Arbeit von Andreas Tiedtke ans Herz gelegt.

Andreas Tiedtke – Kompass zum lebendigen Leben
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